Die Trompes erschallen über Rüdesheim...

Fronleichnam, der „ Umgang“ ist zu Ende, die Straßen sind feiertäglich leer so können wir, Christine, Frank und ich in sommerlich aufgeräumter Laune auf der A7 Richtung Norden fahren und wir kommen zügig voran, passieren bei Aalen die Europäische Wasserscheide und rollen mit den Wassern Richtung Rhein, wo wir im Unterallgäu doch gewöhnt sind, die Unsrigen der Donau anzuvertrauen, Erdgeschichte halt… Durch’s Hohenlohische nach Heilbronn neckarwärts weiter bis ins Rheintal, an Worms vorbei, die Nibelungen lassen von fern grüßen, der Dom auch und dann waren wir auch schon in Bingen und setzten über mit der Fähre, weil zu einer richtigen Reise auch eine Schifffahrt gehört und weil es zwischen Wiesbaden und Koblenz keine Brücke gibt. Selbst der Marschall Blücher musste sich eine Furt suchen, um bei  Kaub den Fluss zu queren, später hat er dann mitgeholfen, den Franzosenkaiser bei Waterloo zu besiegen, übrigens an meinem Geburtstag dem 18. Juni, es ist aber schon lange her, dass man die Preußen dort sehnsüchtig erwartete…

Schon auf der Fähre fielen uns Biker auf, die unsere Richtung nahmen und die wir während des ganzen Stage nicht mehr so richtig los wurden. Außerdem trieb sich auf Deck ein BGS namens Lea herum, der hinter sich die ganze Dockner-Familie wusste. Allseits freudige Begrüßung, kurzer Blick auf den Mäuseturm in dem der Sage nach ein hart herziger Bischoff von Mäusen aufgefressen wurde, eher kommt dem Turm jedoch als Mautstation Bedeutung zu, beginnt doch hier die schwierige Flusspassage in das Obere Mittelrheintal.

Oberes Mittelrheintal, Unesco-Weltkulturerbe, Weinterrassen, an jeder Flussbiegung eine Burg, Magistrale der Binnenschifffahrt und des Eisenbahnverkehrs, zwei Schienenstränge rechts und zwei links für täglich 300 Züge…

Aber wir sind mit unserer Fähre in Rüdesheim angekommen, fahren über die Uferstraße, vorbei an Andenkenläden und Horden von Bikern, links in die Weinberge hinauf und langen an bei unserer Jugendherberge. Wunderschön, trutzig auf einer Terrasse über den Rebzeilen gelegen, architektonisch eine Mischung aus Internat für schwierige Fälle und Rehaklinik, stellt sie sich dar als vierstöckiger Bau, streng symmetrisch mit herrschaftlichem Eingang und ebensolchem Vorplatz, im Stil der sechziger Jahre des letzten Jahrhunderts, beliebt bei Bikern, Rheinsteigwanderern, Schulklassen und Freunden der Trompe de Chasse. Die Gäste werden streng nach Geschlecht sortiert, Herbergseltern sucht man vergebens, von den multikulturellen dienstbaren Geistern wird man freundlich und zuvorkommend aufgenommen.

Dank Franks Vorsorge beziehen wir ein großes Zimmer in dem wir uns zu dritt verteilen können. Wenn man sich auf einen Stuhl stellt, genießt man aus den oblichtigen Fenstern  eine sensationelle Aussicht auf den Rhein, der hier die Grenze bildet zwischen Hessen und Rheinland-Pfalz, wo sie zu den Karnickeln Lapeng sagen.

Das Abendessen wird von den Moniteurs und den Stagiaires gemeinsam eingenommen, es bietet keine kulinarischen Höhepunkte, der Wein hat sich als bekömmlich erwiesen.
Danach keine Moulinette oder vielleicht doch eine kleine, Hubert Klein konnte nach einigen Tönen die Böcke von den Schafen scheiden. Außer Hubert wirkte Jacky Lognard als Moniteur…. und Frank Schubbert als Basstrainer und auch sonst in allen Gassen.

Auch Biker waren inzwischen eingetroffen. Kräftige Burschen in Lederkutten mit ihren wettergegerbten Gefährtinnen stellten ihre Harleys vor dem Haus im weichen Teer ab, in dem die Seitenständer umgehend versanken. Alexandra konnte beim Umparken manch hilfreichen Tipp geben…
Ach ja, das Wetter, versprochen war durchwachsenes und während der Moulinette kam auch ein kräftiger Guss, der allerhand ahnen ließ, aber er blieb der einzige, sonst Sonne, etwas Wind, manchmal auch kräftige rafales du vent, die auch durchaus Trompes in Falten legen konnten. Proberäume mussten jedenfalls nicht bezogen werden.

Freitags dann, streng getaktet, intensiver Einzelunterricht in den Gruppen. Vor der Trompe sind alle gleich und wenn vorne nichts reingeht und die Zunge nicht  richtig züngelt wird das eben nichts, abbrechen, neu anfangen, an alles denken… Mit viel Geduld haben sich die Moniteurs meiner schrägen Töne angenommen und sollen bei der Gelegenheit sogar Tayauts gehört haben, das baut auf.

So unterschiedlich sie sein mögen, Hubert Klein, der Feingeist mit Sinn für die deutsche Rheinromantik und Jacky Lognard, der Künstler mit gelegentlichem  Hang zur Anarchie, bedienen die Trompe mit wahrer Meisterschaft und können das, was sie  versuchen einem Dilettanten wie mir zu erklären, jederzeit vorblasen . Geblieben ist mir, richtig atmen, Druck aufbauen, Luft strömen lassen, einen kräftigen Ton blasen und üben, üben, üben…

Abends dann Jahreshauptversammlung des Vereins, der als erstes mal aufgelöst und als neuer e.V. wiederbegründet wurde, lebhafte Diskussionen um den Sinn passiver Mitgliedschaft und zügig durchgeführte Vorstandswahlen. Ein Platz für den Stage 2013 wurde eingekreist, die Scouts sind ausgesandt, es wird berichtet werden. Beim Absacker auf der Freitreppe vor dem Haus zu mitternächtlicher Stunde noch eine hübsche Szene (wie) aus dem Sommernachtstraum, gespielt von Roger und einer langbeinigen, fremden Schönen  in Lockenwicklern und angetan mit einem karierten Plaid, das darunter nicht eben viel vermuten ließ, die sich  freche Dialoge shakespearescher Deutlichkeit lieferten. Heftiger Applaus des amüsierten Publikums.

Samstag, Moniteurwechsel und same procedure as last day, strikte Arbeit an der Trompe, zum Schluss sogar ein winziges Lob von Jacky. Den Moniteurs gebührt ein herzlicher Dank für Ihre Mühe, Geduld und Langmut, allen die nicht teilgenommen haben an diesem Stage ins Stammbuch, Ihr habt was versäumt!

Um jetzt doch noch einmal aufs Essen zu kommen…
Im Freien wurde nach ausgiebiger Bewertung der Wetterlage der Grill mit Fleisch-und Wurstwaren vornehmlich geflügeliger Provenienz bestückt, die Grillmeister Frank und Uwe zeigten was sie können und zauberten allerhand Schmackhaftes vom Rost, so dass sich bald Lagerfeuerstimmung einstellte, getrunken wurde auch und auch gesungen, französisch und deutsch, Hubert beschämte uns durch eiserne Textsicherheit, bei „ Kein schöner Land“ sang er noch alle Strophen während Christine und ich uns längst aufs Summen verlegt hatten. Ob sein Vorschlag, in einen Stage mehrstimmiges Singen einzubauen, Gefallen  findet, kann zu hübschen Diskussionen Anlass geben. Sicher war er dem Genius loci geschuldet, die Kulisse forderte dies geradezu heraus.

Denn der Sommerabend schloss, wie bei feinen Leuten, mit einem Feuerwerk über dem Rhein und  Rüdesheim. Die Veranstalter hatten keine Mühen und Kosten gescheut und  es krachte ganz ordentlich. Herzlichen Dank, wem auch immer wir dieses, den Bikern zugedachte, Feu d’artifice zu verdanken hatten, wir hatten die besten Plätze… was dem Frank so alles einfällt…. erstklassiges timing.

Anzumerken noch, dass gelegentliche Unstimmigkeiten zwischen Bikern und Sonneurs an diesem Abend vollständig ausgeräumt werden konnten, gekrönt von einem geradezu samariterhaften Einsatz Uwes.
Sonntags dann wurde dem Unesco Weltkulturerbe Oberes Mittelrheintal ausgiebig die Ehre angetan, beginnend mit dem Niederwalddenkmal, das noch zu kaiserlicher Zeit errichtet und 1883 in Anwesenheit von Wilhelm I. eingeweiht wurde, bekrönt ist es von einer Germania, die sicher nicht zufällig nach Westen blickt und die aussieht als könne, da wo sie auftritt, kein Grashalm mehr wachsen und die damals französischerseits ausgiebig bespöttelt worden war. Zurzeit war sie eingehüllt, ob sie wohl den Wahlausgang bei unseren westlichen Nachbarn ahnte?

Die Einweihung hätte fast in einer riesigen Katastrophe geendet aber der Regen hatte die Zündschnüre der Attentäter aufgeweicht. Die Sprengladung ging nicht hoch, die Terroristen wurden gefasst, zwei wurden hingerichtet,  zu einer lebenslänglichen Zuchthausstrafe wurde der dritte verurteilt. Die Weltgeschichte nahm ihren Lauf. Wir bliesen über den Rhein.
Dann wurden wir in eine Seilbahn verladen und schaukelten bergab nach Rüdesheim unter uns grünende Rebhänge, Riesling, vermute ich, wunderbarer Blick in das Rheintal. Wir passten auf, dass wir uns im sonntäglichen Alptraum Drosselgasse nicht verloren und fanden uns wieder am Bootsanleger.

Der Rhein war gut gefüllt und drängte ungestüm Richtung  Nordsee. Ein kurzes Ständchen auf  dem Oberdeck, dann gaben wir uns den Sehenswürdigkeiten hin, die aus dem Lautsprecher erklärt wurden. Der Dampfer vollführte ein anmutiges Ballett beim An-und Ablegen, am Himmel ballten sich schwarzdunkle Wolken, fachwerkige Uferstädtchen mit berühmten Namen und Lagen zogen vorbei, rechts und links Weinterrassen teils flurbereinigt, teils aufgelassen oder auch schon wieder rekultiviert, Riesling natürlich, In Assmanshausen , Spätburgunderland, legten wir an und fuhren mit dem Sessellift über die Dächer und lichten  Edelkastanienwald auf brüchigem Schiefer , mit halsbrecherischen Rückblicken auf den Rhein bergan. Kleines Ständchen an der Bergstation, auf kurzem Weg  zum Schlosshotel Rüdesheim, wo wir uns für die Heimreise stärkten.

Bleibt zum Schluss noch einmal einen herzlichen Dank an die Moniteurs auszusprechen und Frank zu gratulieren, dass es im wiederum gelungen ist einen runden Stage zu organisieren.

Hans-Jörg Linder, "Doc"